Wie Träume in meine Arbeit einfließen

Es kommt vor, dass ich von Patienten träume. Ich wache auf mit dem drängenden Gefühl, etwas Entscheidendes über die betreffende Person verstanden zu haben, das ich jedoch im Moment des Erwachens, in den Minuten danach, noch nicht entziffern kann. Ich lebe noch im Gefühl des Traums, bin noch nicht ganz aus meinem Unbewussten wieder aufgetaucht. Meine Gedanken vermischen sich mit dem überflutenden Gefühl, das der Traum in mir hervorgerufen hat und für das ich nach Worten suche, um ihm einen Sinn zu verleihen.

Ich beginne, mein Gefühl in Frage zu stellen: Habe ich wirklich etwas Bedeutendes über die Person verstanden? Oder könnte es nicht vielmehr so sein, dass der Traum vor Allem etwas mit mir, meiner Geschichte, meinen Ängsten, Wünschen, Aggressionen, Hoffnungen zu tun hat? Kann es wirklich sinnvoll sein, den Traum in Richtung der Patientin zu entziffern, oder bin ich gerade im Begriff, mich in einer Beziehungsdynamik zu verlieren, die vor Allem Spuren meiner eigenen Geschichte aufgreift?

Ich lasse den Traum auf mich wirken. Ich gehe den Tätigkeiten nach, denen ich jeden Tag nachgehe und der Traum begleitet mich durch sie alle hindurch. Während ich meinen Tee zubereite, beim Zähneputzen, beim Spazieren durch den Wald, während ich lese, schreibe, esse, trinke, lerne, vergesse, zuhöre und spreche. Ein solcher Traum lässt mich nicht nach ein paar Stunden los, nicht nach ein paar Tagen. Er entwickelt in mir ein neues Kapitel an Überlegungen, Gefühlen, gegenseitigem Verstehen. Ich wäge ab, inwieweit ich ihn in den Therapieprozess einbringen kann und sollte. Soll ich explizit vom Inhalt des Traumes erzählen? Soll ich ihn überhaupt erwähnen oder ist er etwas, das zu sehr zu mir, zu wenig zum Patienten gehört? Soll ich von mir aus darauf zu sprechen kommen oder abwarten, ob das Thema des Traums in der nächsten Sitzung auftaucht und ich ihn dann einbringen kann, das was ich durch ihn meine, verstanden zu haben?

Wenn wir davon ausgehen, dass Beziehungen durch kreative, unbewusste Prozesse wesentlich mit geprägt sind, dann wäre ein solcher Traum, mit all seiner emotionalen Intensität, seinem Anspruch, etwas Wesentliches zu benennen, eine Extremvariante, die kreative Zuspitzung eines längeren, intensiven Beziehungspozesses, eine Chance, dem Patienten etwas Wesentliches über sich mitzuteilen, ihm zu helfen, sich gesehen zu fühlen, sich besser zu verstehen. Damit einher geht das nicht unerhebliche Risiko, etwas Wesentliches über mich selbst preis zu geben. Etwas, das ich lieber für mich behalten würde. Indem ich den Traum in die therapeutische Zusammenarbeit einfließen lasse - ob ich ihn nun explizit beschreibe oder aber das mit seiner Hilfe Verstandene versuche auszudrücken - mache ich mich verletzlich, lasse Nähe zu an einer Stelle, die mir selbst durchaus gefährlich werden kann.

Für mich als Psychotherapeutin, als Coach und als Supervisorin gilt: Als Mensch in Beziehungen kann ich nur so tief verstehen, wie ich mich selbst berühren lasse.

Noch ein Gedanke: Wem gehört der Traum, den ich träume? Gehört er nur mir, weil ich die bin, die ihn träumt und durchlebt, die versucht, Zusammenhänge herzustellen und sich einen Weg durchs Dickicht des Unbewussten zu bahnen? Oder gehört er nicht auch meinem Gegenüber, von dem er ebenso handelt wie von mir? Haben wir ihn nicht in Wahrheit gemeinsam erschaffen? Und: Welche Träume hat mein Gegenüber geträumt? Ist mein Traum eine Antwort darauf? Inwieweit sprechen unsere Träume miteinander, ohne dass wir es je ganz begreifen können, über Themen, die es uns nie gelingt - aber auch nicht gelingen braucht - vollständig in Worte zu fassen.

Weiter
Weiter

Wie soll ich noch zur Ruhe kommen auf einem Planeten, der sich in einer Abwärtsspirale befindet?