Wie soll ich noch zur Ruhe kommen auf einem Planeten, der sich in einer Abwärtsspirale befindet?
Das klingt vielleicht etwas düster als einleitende Frage.
Doch ich könnte mir vorstellen, dass sie dem einen oder der anderen in den vergangenen Monaten und Jahren durchaus einmal durch den Kopf gegangen ist. Unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle vieler wirkt sie definitiv und sorgt für erhöhte Anspannung, Reizbarkeit, Ängste, Erschöpfung und Ohnmachtsgefühle. Erst Recht im Winter, der nun Gott sei Dank ans vorläufige Ende gekommen ist...
Die Ausgangslage
In der Ausgabe der Wochenzeitung ‘Die Zeit’ erschien diese Woche ein Interview mit dem 1965 geborenen Ökonom und Professor an der Cornell University Eswar Prasad. Seine Aussage: “Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale, in der sich die Krise der Globalisierung, innenpolitische Polarisierung und geopolitische Spannungen gegenseitig verstärken. Und es wird, so fürchte ich, immer schwieriger, daraus auszubrechen.” (https://www.zeit.de/feuilleton/2026-03/globale-krisen-abwaertsspirale-eswar-prasad-oekonom)
Als ob das noch nicht genug wäre, wirken im ‘Hintergrund’ dann auch noch Klimawandel und KI. Wir sehen unseren natürlichen Lebensraum bedroht, unsere Jobs und damit die Fähigkeit, für uns selbst und die, die uns wichtig sind, zu sorgen. Sie zu schützen.
Das ist die Ausgangslage. Doch weil wir nicht permanent im Bewusstsein eines solchen Zustands existieren können, werden wir uns nun allmählich und hoffnungsvoll ins Helle vorarbeiten.
2 entscheidende Dinge
Grundsätzlich sind in einer solchen Lage meiner Ansicht nach zwei Dinge entscheidend:
Kräfte gut einteilen
Haltung, Werte und eigenes Handeln entsprechend der Problemlage ausrichten
Punkt 1 hilft uns, durchzuhalten. Punkt 2 sorgt dafür, dass wir uns einer zugegeben übermächtigen Situation nicht völlig hilflos ausgeliefert fühlen.
Es gibt immer etwas, das getan werden kann. Es kann nur sein, dass die Ziele, die wir uns erhoffen, damit zu erreichen, angepasst werden müssen.
Diese Herangehensweise hilft mir schon seit längerem in meiner Arbeit insbesondere als Psychotherapeutin, aber auch als Coach und Supervisorin. Und ich habe mir angewöhnt, sie auch auf mein Privatleben zu übertragen. Auf meine beruflichen Ziele. Auf meine Haltung gegenüber dem Leben insgesamt.
Beispiel Psychotherapie
Ein Beispiel aus der Praxis als Psychotherapeutin:
Sagen wir, ein Patient - 35-45 J. alt, beruflich erfolgreich, privat unzufrieden (wechselnde, unstete partnerschaftliche Beziehungen) - kommt zu mir mit dem Wunsch, mit Hilfe einer Psychotherapie endlich zu lernen, sich auf tiefe Bindungen einzulassen. Vielleicht kommt sogar noch die Erwartung hinzu, dass dies innerhalb einer Kurzzeittherapie von 12, maximal 24 Sitzungen möglich sein sollte.
Im Kontakt wirkt er distanziert, lösungsorientiert. Unterschwellig wird eine tiefe Einsamkeit und Verletzlichkeit spürbar. Mir wird schnell klar: Seine Unfähigkeit, sich auf tiefe Bindungen einzulassen, ist in Wahrheit eine Entscheidung, die vom Unbewussten her gedacht sehr viel Sinn ergibt. Denn er versucht sich zu schützen. Wovor? Das kann ich an dieser Stelle nur vermuten. Vielleicht vor einem tiefen Gefühl von Wertlosigkeit, von innerer Leere, Ohnmacht?
Das Ziel kann doch nun nicht sein, ihn möglichst schnell dazu zu bringen, sich tiefer einzulassen. Auf mich. Auf eine Frau da draußen, die ihm gerade gefällt. Womöglich sogar auf eine Vaterschaft. Das würde ihn gefährden, da er viel zu schnell mit nicht aufgearbeiteten und deshalb aktuell für ihn kaum auszuhaltenden Gefühlen in Kontakt käme.
Meine Aufgabe als Psychotherapeutin ist es also immer, mir erst einmal über die Ausgangslage bewusst zu werden. Sie genau zu analysieren und dann erst ihr entsprechend realistische Ziele und Erwartungen an einen Therapieprozess festzulegen.
Im Austausch mit dem:der Patient:in, versteht sich.
Zurück zum ursprünglichen Thema
Zu 1. Kräfte gut einteilen:
Hierzu ist zu sagen: Das Ziehen von klaren Grenzen wird in krisenhaften Zeiten ebenso entscheidend wie das Öffnen derselben.
Grenzen klar kommunizieren, deutlich signalisieren und verteidigen, um die eigenen Kräfte nicht durch Menschen und Strukturen verbrauchen zu lassen, die sie leider nicht (ausreichend) zu schätzen wissen.
Nicht großzügig in etwas oder jemanden investieren, das oder der:die viel zu wenig zurück gibt.
Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, großzügig zu sein. Sondern: Wir müssen endlich anfangen, unsere Großzügigkeit gezielt einzusetzen (Stichwort: Grenzen öffnen). Dort, wo sie am meisten bewirkt. Und am meisten bewirkt sie immer dort, wo sie am meisten gesehen und wertgeschätzt wird. Weil wir gehört werden, mit dem, was wir zu sagen haben. Weil unser Tun auf Resonanz trifft. Weil unser Gegenüber uns nicht auslaugt, sondern inspiriert.
Ich bin Freund einer gewissen Radikalität beim Ziehen von Grenzen. Das hat mit meiner Geschichte zu tun. Mit meinen Erfahrungen, die ich von klein auf gemacht habe. Mit Erlebnissen und Prozessen, die ich als Erwachsene durchlaufen habe. Ich mache das nicht, weil es Spaß macht, sondern weil es notwendig ist. Und ich sehe da draußen viele Menschen, die es sich wert sein sollten, das auch zu tun.
Das gesagt, sollten Grenzen durchaus mit Einfühlungsvermögen gezogen werden. Dazu braucht es Selbstkenntnis und Mitgefühl. Klare Kommunikation darüber, was in einem selbst vorgeht, Verständnis für ein Gegenüber, das darauf gerade leider nicht in der Lage ist einzugehen, erwarte ich von mir selbst und von anderen. Sonst schlägt das Grenzen ziehen um in Rücksichtslosigkeit.
Die Grenzen, die an dem einen Ort geschlossen werden, müssen sich an anderen Orten öffnen dürfen. In Gemeinschaften, in denen wir Verbindung erleben. Gegenüber Menschen, die uns emotionalen Halt geben. Wer glaubt ernsthaft, diese Zeiten ohne Halt gebende Bindung durchstehen zu können? Es ist unmöglich. Und wer Schwierigkeiten mit Bindung hat, ist gut beraten, das ganz oben auf der Prioritätenliste einzusortieren.
Aber nicht nur Menschen bieten uns Halt und Verbindung. Sondern auch Tiere, Natur, Kunst und - last but not least - Kamine!
Vielleicht kann ein Patient sich nicht auf eine Partnerschaft einlassen. Aber sich einen Hund anschaffen und Verbindung erleben.
Vielleicht hilft ein Bergsee, um innere Ruhe zu finden und bei sich anzukommen, ein Spaziergang im Wald, um schmerzhafte Erfahrungen zu verarbeiten.
Vielleicht fühlen wir uns von einem Buch oder einem Song in etwas besser verstanden, als je von einem Menschen, der uns in Fleisch und Blut gegenübersaß.
Finde heraus, was dir gut tut und baue es in deinen Alltag ein. Als etwas, das kontinuierlich wiederkehrt. Langfristig denken ist die Devise. Viele kleine Schritte gehen, statt auf den einen großen Wurf zu warten.
Zu 2. Haltung, Werte und Handeln entsprechend der Problemlage ausrichten:
Ich kann eine Analyse der Welt anstellen und daraus meine persönliche Haltung ableiten. Um mich weniger ohnmächtig zu fühlen.
Natürlich kann ich dadurch nicht die Welt verändern. Das wäre ein unrealistisches Ziel, genau genommen größenwahnsinnig. Ich hätte ganz andere Probleme, wenn ich das ernsthaft von mir erwarten würde.
Aus der Hüfte geschossen könnte eine Analyse zum Beispiel so aussehen:
Die Probleme:
Immer mehr Menschen haben große Schwierigkeiten, ambivalente Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte auszuhalten. Das erzeugt innere Spannung, die sie zum Leidwesen anderer ausagieren. Wodurch neues Leid und noch mehr Ambivalenzen entstehen. Rücksichtslosigkeit und Egoismus breiten sich aus.
Viele Menschen verfolgen kurzfristige Ziele, um ein Leiden zu beenden, das langfristig angegangen werden muss.
Wir als Gemeinschaft, als Gesellschaft sind noch nicht am schlimmsten Punkt angekommen.
Die Menschen, die Verletzlichkeit zulassen können, sind die, die am meisten Potential in sich tragen, in der Welt, die auf uns zurollt, Gutes zu tun.
Meine daraus abgeleitete Haltung:
Ich übe mich darin, mir meiner unterschiedlichen Gefühle, Wünsche und Ängste bewusst zu sein, sie auszuhalten, anstatt sie auszuagieren. Ich helfe anderen dabei, das in ihren Beziehungen und sich selbst gegenüber umzusetzen.
Ich akzeptiere, dass (m)ein Weg aus vielen kleinen Schritten besteht. Ich begleite und unterstütze Menschen, die bereit sind, sich auf kleine Schritte einzulassen dabei, ihren Weg zu gehen.
Ich teile meine Kräfte gut ein und ich helfe anderen, das zu tun.
Ich helfe Menschen, Verletzlichkeit zuzulassen und Schmerzhaftes zu verarbeiten, damit sie neue Kraft schöpfen und (später) Gutes bewirken können.
Analyse und Haltung sollten im Laufe des Lebens weiter entwickelt und ausdifferenziert werden. Es ist immer als Prozess zu sehen. Als Austausch zwischen dir und dem, was dich umgibt.
Die Frage, was überhaupt als ‘gut’ anzusehen ist, ist hoch interessant, aber führt an dieser Stelle leider zu weit. Sie ist natürlich wesentlich für die Formung eigener Werte und einer eigenen Haltung und sollte gut reflektiert sein.
Das war mein morgendlicher Senf zu den letzten drei Monaten und überhaupt den vergangenen gut 41 Jahren, die ich miterlebt habe.